Screening Northern Lights

Westermann Kulturprojekt in Bremerhaven

Wissenschaftskommunikation mit den Mitteln der Medienkunst

Die Stadt an der Wesermündung gilt als ein maritimes Kompetenzzentrum der Bundesrepublik. Das Alfred-Wegener-Institut hat gleich gegenüber dem Museum seinen Sitz und das prominenteste deutsche Forschungsschiff Polarstern hat in Bremerhaven seinen Heimathafen. Nebenan befinden sich das Klimahaus (2009) und das Auswanderermuseum (2005), zwei weitere Institutionen mit einem starken Bezug zum Meer.

Das Deutsche Schifffahrtsmuseum befindet sich im Augenblick in einem umfassenden Wandlungsprozess, der einer Neuerfindung gleicht. Es ist das älteste Museum an Bremerhavens Wasserfront, in den 70er Jahren gegründet, mit dem die Stadt und das Land Bremen auf die Krise der Werften und des Hafens reagierten. Wissenschaft und Tourismus wurden als die neuen tragenden Säulen für die Stadtentwicklung identifiziert.

Mensch & Meer – Museum für das Anthropozän

Der Gründungsbau von Hans Scharoun, selbst in Bremerhaven aufgewachsen, und auch der Erweiterungsbau von Dietrich Bangert sind in die Jahre gekommen und auch das Ausstellungskonzept wird überarbeitet. Die rein technikgeschichtliche Darstellung der Schifffahrt genügt nicht mehr den Ansprüchen einer vielfältigen Besucherschaft und wird unter dem programmatischen Titel 'Mensch & Meer' um kulturgeschichtliche, ökologische und sozialgeschichtliche Perspektiven erweitert. Das Museum, das als Leibniz-Institut für maritime Geschichte ein Forschungsmuseum ist, will ein umfassendes Bild des Umgangs der Menschen mit dem Meer entwickeln.

Das Museum verfügt über eine 75 Meter lange Glasfront, die als Schaukasten und Bühne erstmals aktiv bespielt wird. Diese Transparenz des Gebäudes ist eine Herausforderung und Chance und unterscheidet es von vielen anderen Museumsbauten, die sich hermetisch als Block oder Raumschiff von ihrer städtischen Umgebung abstoßen. Dem gegenüber öffnet sich das Deutsche Schifffahrtsmuseum auf Augenhöhe auch für Bürger, Besucher und Spaziergänger. Die aktuelle Präsentation gibt einen Vorgeschmack auf das, was kommen soll. Das Meer bedeckt 71 % der Erdoberfläche, produziert 50 Prozent des Sauerstoffs unserer Atemluft und 90 % des Welthandels werden von der Schifffahrt bewältigt. Im Gegensatz zu dieser überragenden Bedeutung ist das Wissen über die Meere in vielerlei Hinsicht dürftiger als das über den Mond. Der aktuellen Mosaic-Expedition der 'Polarstern' zum Nordpol kommt deshalb auch jenseits der konkreten Forschungsergebnisse eine große Bedeutung zu. Die Expedition schafft die dringend nötige Aufmerksamkeit für die Bedeutung der Meeresforschung für das Menschheitsthema Klimawandel.

Wissenschaftskommunikation braucht bildgebende Verfahren

Wissenschaftskommunikation ist mehr als Überzeugungsarbeit mit Zuwendungsgebern und notwendiger Teil der Drittmittel-Einwerbung. In Zeiten knapper Kassen richtet sie sich besonders an die breite Öffentlichkeit, die von der Relevanz der Forschung überzeugt werden will. Dabei ist das Vermitteln mehr als eine lästige Pflicht sondern eigentlich Kern aller Anstrengungen, die eigenen Ergebnisse mit anderen zu teilen, sich auszutauschen und Begeisterung für das Forschen zu wecken. Diese Anderen sind eben nicht nur die Fachkollegen sondern beispielsweise auch die Jugendlichen, die für Studium und Forschung gewonnen werden wollen.

Gerade die Klimawandel-Diskussion ist eine kommunikative Herausforderung für die Autorität der Wissen- schaft geworden. Es gibt starke Kräfte, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse in einen bloßen Streit um Meinungen verwandeln möchten, in dem sich Fakten und deren Relevanz für das Handeln verflüchtigen.

Medieninstallation Northern Lights – Bilder aus einer Welt der Extreme

Die Medieninstallation von Westermann Kulturprojekte setzt bei der Faszination des Forschungsgegenstandes Forschungsschifffahrt an: Die Wunder der Erde, der Technik und der Kultur. Dabei wird die Medieninstallation, die sich in verschiedene Kapitel teilt, von einer Soundcollage (Timber Hanfreich) zusammengehalten. Mit geräuschartigen, mäandernden Klangfolgen beginnend, fließen die Klänge in einem dramatischen, sich zuspitzenden Klangbett zusammen. Es beginnt mit einem Kaleidoskop von Bildern aus der Geschichte der Seefahrt, den Exponaten des Museums zum Thema Mensch und Meer. Es folgen Streiflichter aus dem historischen Archiv der Polarforschung. Alfred Wegener, der bei seiner Grönland-Expedition 1930 ums Leben kam. Die extremen Herausforderungen reichen bis in die Gegenwart, wenn Apnoe-Taucherinnen wie Anna von Bötticher die Unterwasserwelten unter dem Eisschild erkunden.

Das nächste Kapitel zeigt die ‚Polarstern’ mit ihren wissenschaftlichen Instrumenten, die das abenteuerliche Herz mit dem rational-messenden Verstand der Forschung verknüpfen. Die große Eisschmelze, die anstelle der Eisschilde einen neuen Ozean entstehen lässt, mit all den neuen Begehrlichkeiten nach Rohstoffen, touristischer Entwicklung, auch kürzeren Schiffsrouten zwischen Atlantik und Pazifik, zeigen die Erhabenheit der Eismassen, die in sich zusammenstürzen und deren Wellen unsere Lebenswelt verändern werden. Die nächste Filmsequenz wirft einen Blick auf die Artenvielfalt unter dem Eisschild: Meerengel, Flügelschnecken, Zooplankton bilden den Beginn der Nahrungskette, an dessen Ende die Menschen stehen. Eisbären und Robben sind zwar die bedrohten Tier-Ikonen, das eigentliche Drama aber spielt sich in den Mikrowelten ab, die kaum jemand zu Gesicht bekommt.

Das letzte Kapitel nimmt den Klimawandel und die Visualisierungswerkzeuge der Wissenschaft in den Blick. Klimamodelle und Animation zeigen die Entwicklung über den gesamten Zeitraum der Klimadaten seit 1850. Einmal mehr wird deutlich, dass die angelsächsischen Institute versierte Erzähler und Vermittler von Erkenntnissen sind. Das NASA Goddard Lab, aber auch der britische Klimatologe Ed Hawkins entwickeln die Infographik zu einem virtuosen Kommunikationsinstrument. Und so endet die Projektion auf das 70 Meter lange und 11 Meter hohe Spitzdach des Museums mit einer gigantischen Darstellung der 'Warming Stripes', die die Klimaerwärmung sichtbar machen. Die Ergebnisse von tausenden Messpunkten und Messchroniken kombinieren sich zu einem Bild, das sich auf der Museumsfassade aus einer Milliarde Lichtpunkten zusammensetzt.

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