Rogier van der Heide - Philips Lighting: "Paradigmenwechsel"

Steckbrief
Rogier van der Heide (Jahrgang 1970) ist Vice President von Philips Design und Chief Design Officer für Philips Lighting. Er ist damit verantwortlich für die Fokussierung des Teams auf innovationsgetriebene Designs und die Nutzung von fortschrittlicher Technik.

Er arbeitet seit etwa 20 Jahren im Designbereich und hat in dieser Zeit an einer Reihe verschiedenster Projekte mitgewirkt, unter anderem in Disziplinen wie Licht, Bildprojektion, Architektur und Produktdesign. Dabei ist seine Arbeit von der Vision getrieben, stetig innovativ zu sein und Betrachter sowie Nutzer durch cleveren Einsatz von Licht zu überraschen.

Seine Karriere hat er als Lichtdesigner im Theater in den Niederlanden gestartet, wo er das Lichtdesign für eine Reihe holländischer Theatergruppen entworfen hat und Produktionen des Autors und Regisseurs Geert Kimpen betreute. Ein Jahr später trat er in das Büro von Hans Wolff & Partners (HW&P) in Amsterdam ein, das auf architektonisches Lichtdesign und Theaterproduktionen spezialisiert ist. Hier arbeitete er an der Renovierung des flämischen Opernhauses in Ghent, bevor er sich dann mit dem Büro Hollands Licht

Advanced Design selbstständig machte. Das Büro leitete er für 10 Jahre. Danach arbeitete er als Lichtdesigner im Ingenieurbüro Arup und baute dort die Lichtdesignabteilung auf, die in den acht Jahren seiner Tätigkeit dort von etwa 6 auf 72 Personen anwuchs.

Seine Arbeit als unabhängiger Lichtdesigner ist durch viele Auszeichnungen anerkannt worden. So wurde er mit dem renommierten IALD Radiance Award ausgezeichnet; mit dem Lighting Designer of the Year Award; einem Edison Award of Excellence; zwei Edison Awards of Merit; drei International Illumination Design Awards und dazu mit zwei British Lighting Design Awards.
Das Leuchtendesign wurde in den vergangenen Jahren oft durch Limitationen wie Lampengröße, Fassungen oder Vorschaltgeräte bestimmt. Jetzt, da durch miniaturisierte Lichtquellen wie die LED Alternativen da sind, gibt es aber immer noch viele dieser alten Formen. Wann werden wir Ihrer Meinung nach öfter neue Formen sehen?

R. van der Heide: Wir werden immer mehr neue Formen sehen, da uns die LED neue Formen ermöglicht. Es gibt aber immer noch Milliarden Brennstellen für herkömmliche Lampen, und die wollen wir auch ersetzen, da brauchen wir weiter auch alte Formen.

Hier bringen wir Innovationen in die alte Form, die wir damit sozusagen kopieren. Gleichzeitig ermöglichen wir mit solchen Lösungen aber auch den Nutzern vorhandener Leuchten, nachhaltiger zu werden.



Wie sind Sie als freier Lichtdesigner dazu gekommen, Designchef bei Philips zu werden?

R. van der Heide: Die Anfrage kam Ende 2009 und ich habe ehrlich gesagt lange überlegt, ob ich das Angebot annehmen sollte – denn bei Arup war ich schon sehr zufrieden mit meinem Arbeitsplatz. Was mich dann überzeugt hat, war die Überlegung bei Philips, einen Wandel im Unternehmen einzuleiten, der mit der Entwicklung der LED einhergeht.


Wie ist das zu verstehen?

AR. van der Heide: Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Wir sehen die LED nicht nur als neue Lichtquelle, die nachhaltiger ist als die vorhandenen. Das stimmt zwar, wird als singuläre Begründung aber langsam langweilig. Ich traue der LED viel mehr zu: Sie lässt sich aufgrund ihrer Größe in viele Baumaterialien integrieren und erlaubt Licht dort, wo bisher keines möglich war. Dann erlaubt sie eine bessere optische Formbarkeit des Lichts, da dies nun eine wirkliche Punktlichtquelle ist. Und noch dazu lässt sich die LED hervorragend kontrollieren.

Insgesamt bedeutet dies, dass die Rollen auf dem Lichtmarkt sich wandeln, und diesen Wechsel kann ich bei Philips mit gestalten. Design ist auf einer Ebene mit der technischen Entwicklung angesiedelt, und ich muss mich nicht durch Bürokratie kämpfen, um Dinge zu verändern – das hat auch viel zu meiner Entscheidung beigetragen.


Sie sind als Lichtplaner ja auch sehr erfolgreich gewesen. Wie wurde ihr Wechsel zur Industrie aufgenommen? 

R. van der Heide: Anfangs mit viel Unverständnis. Einige Kollegen haben befürchtet, dass Philips nun selbst Lichtplanung anbieten wolle, dies ist aber definitiv nicht so. Es ist so, dass die Rollen im Markt sich mit der LED verschieben. Hat früher der Lichtdesigner allein die Lichtfarbe bestimmt und Leuchten und Optik ausgesucht, so ist dies nun mehr beim Hersteller anzusiedeln. Die Angebotsfülle bei der LED zwingt den Leuchtenhersteller dazu, selbst mehr zu bestimmen, was für ein Licht die Leuchte gibt.

Und in unseren Labors können wir inzwischen sogar den Ausstrahlwinkel einer Leuchte elektronisch ändern – alles dies sind Felder, auf denen früher der Lichtdesigner allein entschieden hat. Philips will dies jetzt nicht an sich reißen, muss aber die geeigneten Werkzeuge entwickeln.



Wie sieht so etwas denn dann konkret aus?

R. van der Heide: Ein gutes Beispiel dafür ist der Strahler Pure Detail, der in der Lage ist, Texturen bei Stoffen, etwa in der Modepräsentation, ganz besonders gut herauszuarbeiten. Den Wunsch danach kannte ich aus der Zusammenarbeit mit vielen Kunden in der Shopbeleuchtung, aber erst die LED hat uns die Möglichkeit gegeben, dies auch optisch umzusetzen.


Aus Ihrer Sicht wird aber der Lichtdesigner Aufgaben abgeben müssen?
R. van der Heide: Das schon, allerdings passiert das ganz analog zum Rollenwechsel beim Architekten. Auch der war früher das Mastermind, der alles am Bau wusste und von der Formgebung des Gebäudes bis zur letzten Steckdose alles bestimmen oder besser spezifizieren konnte. Heute ist er eher ein Dirigent, der den Ablauf kennt und kontrolliert, die Ausarbeitung der Details aber den vielen Spezialisten überlässt, die es inzwischen geben muss.

Und dies wird auch der Lichtdesigner so erfahren, denn in die Details von LEDs kann er sich in der Tiefe auch nicht mehr einarbeiten.



Ein Wort noch zum aktuell viel diskutierten Thema – OLED wann sehen Sie da den Markteintritt?
R. van der Heide: Den sehe ich tatsächlich recht nah. In unserem Werk in Aachen können wir in nicht allzu ferner Zukunft in die industrielle Produktion einsteigen und somit die OLED-Module für Leuchten und Projekte verfügbar machen. Noch nicht in riesigen Stückzahlen, aber schon so, dass es eine wirkliche Massenproduktion ist. Und damit werden dann auch verstärkt OLED-Produkte in den Markt kommen – nicht nur von uns, sondern auch von anderen Herstellern. Das Prototypen-Zeitalter ist definitiv vorbei.

Die Zukunt der OLED sehe ich dabei auch nicht als weitere, noch effizientere Lichtquelle, sondern eher als neues Licht, das als diffuses Licht von einer bei Bedarf auch transparenten Möglichkeit ganz neue Anwendungen erschließt. Wir haben in unseren Laboren zum Beispiel einen Spiegel, der den Betrachter über OLEDs immer perfekt beleuchtet – und das Licht je nach Standort  des Nutzers anpasst. Anwendungen für die anorganisch aufgebaute LED wird es weiter geben, genauso wie auch viele herkömmliche Lichttechniken momentan noch gut geeignete Anwendungsbereiche haben.


Herr van der Heide, vielen Dank für das Gespräch.

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Fotos: Nadja Litau
Philips GmbH - www.philips.de
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